Wenn Kinder anders ankommen als ihre Eltern
Über das Leben in einem neuen Land – und darüber, was Kinder brauchen, um dort ihren Platz zu finden
Für Erwachsene beginnt ein Umzug ins Ausland oft lange vor dem eigentlichen Aufbruch.
Man informiert sich, vergleicht Schulen, sucht eine Wohnung und stellt sich vor, wie das neue Leben aussehen könnte. Hinter der Entscheidung stehen meist gute Gründe und die Hoffnung, dass das Leben der ganzen Familie dadurch bereichert wird.
Kinder erleben denselben Umzug anders.
Sie sind gedanklich nicht so lange im Vorfeld damit beschäftigt und können die Vorteile und Chancen noch nicht überblicken. Dadurch sind sie emotional oft stärker belastet. Im Vordergrund stehen andere Themen als bei ihren Eltern. Sie lassen ihr Zimmer zurück, ihre Freunde, die Schule, den vertrauten Weg zum Sport und vielleicht die Großeltern, bei denen sie bisher einfach vorbeigehen konnten.
Ein weiterer großer Unterschied: Sie haben es nicht selbst entschieden.
Auch ein Kind, das sich auf Portugal gefreut hat, kann nach einigen Wochen traurig, wütend oder enttäuscht sein. Die Freude auf das Neue und das Vermissen des Alten passen durchaus zusammen.
Nicht jedes Kind kommt gleich an
Manche Kinder gehen schon am ersten Schultag auf andere zu. Sie lernen schnell erste Wörter, erzählen von neuen Bekanntschaften und scheinen nach kurzer Zeit ganz selbstverständlich dazuzugehören.
Andere beobachten erst einmal.
Sie sprechen wenig über die Schule, wollen nachmittags lieber zu Hause bleiben oder halten besonders engen Kontakt zu ihren alten Freunden. Vielleicht wirken sie gereizter als früher oder werden bei Kleinigkeiten plötzlich sehr wütend.
Das muss nicht bedeuten, dass etwas schiefläuft.
Kinder unterscheiden sich darin, wie viel Veränderung sie gut aushalten, wie schnell sie Vertrauen fassen und wie leicht es ihnen fällt, auf andere zuzugehen. Ein offenes Kind findet möglicherweise schneller Kontakt. Ein zurückhaltendes Kind braucht vielleicht einen einzigen vertrauten Menschen und deutlich mehr Zeit.
Auch Geschwister können denselben Umzug vollkommen unterschiedlich erleben. Während das eine Kind begeistert Portugiesisch lernt, zählt das andere die Wochen bis zum nächsten Besuch in Deutschland.
Beides darf sein.
Das Alter macht einen Unterschied
Kleinere Kinder orientieren sich stark an ihren Eltern und an vertrauten Abläufen. Wenn morgens dieselbe Tasse auf dem Tisch steht, abends dieselbe Geschichte vorgelesen wird und die wichtigsten Menschen erreichbar bleiben, gibt ihnen das Sicherheit.
Sie können aber oft noch nicht sagen: „Ich fühle mich fremd“ oder „Ich vermisse mein altes Leben.“
Stattdessen klammern sie vielleicht mehr, schlafen schlechter, reagieren empfindlicher oder fallen in Verhaltensweisen zurück, die eigentlich schon überwunden waren.
Bei Schulkindern wird die Zugehörigkeit zu anderen Kindern wichtiger. Gleichzeitig erleben sie in einer neuen Sprache etwas, das sehr verunsichernd sein kann: Sie wissen vielleicht viel, können es aber plötzlich nicht mehr zeigen.
Ein Kind, das vorher selbstständig und sicher war, braucht nun Hilfe bei einfachen Dingen. Es versteht einen Witz zu spät, findet im Unterricht nicht die richtigen Worte oder weiß nicht, wie es sich einer Gruppe anschließen soll.
Das kann anstrengend sein – selbst dann, wenn das Kind die neue Schule grundsätzlich mag.
Für Jugendliche kann ein Umzug besonders tiefgreifend sein. Freundschaften, Zugehörigkeit und die Frage „Wer bin ich eigentlich?“ haben in dieser Zeit eine große Bedeutung.
Während die Eltern das neue Leben vielleicht als gemeinsame Chance erleben, sieht ein Jugendlicher vor allem die Freunde, die ohne ihn weitermachen.
Der Satz „Ich wollte nie hierher“ ist schwer auszuhalten. Er bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass die Entscheidung falsch war. Manchmal ist er zunächst einfach der ehrlichste Ausdruck für etwas, das verloren gegangen ist.
Manchmal ist schwer zu erkennen, woran es liegt
Kinder und Jugendliche sind nicht jeden Tag ausgeglichen.
Sie sind wütend, traurig, unkonzentriert oder ziehen sich zurück. Gerade in Zeiten, in denen sie sich stark entwickeln, gehören Stimmungsschwankungen und Konflikte dazu.
Nach einem Umzug ins Ausland hören Eltern bei solchen Veränderungen jedoch oft besonders genau hin.
Ist das die Pubertät? Ist die neue Schule zu anstrengend? Fehlen die alten Freunde? Ist unser Kind hier unglücklich? Haben wir ihm mit dem Umzug zu viel zugemutet?
Meist gibt es darauf keine schnelle und eindeutige Antwort.
Ein Jugendlicher kann sich emotional zurückziehen, um sich von den Eltern abzugrenzen, auch wenn er gut in der neuen Schule angekommen ist. Ein Grundschulkind kann sprachlich große Fortschritte machen und gerade deswegen nach einem langen Schultag vollkommen erschöpft sein.
Auch Wut muss nicht bedeuten, dass ein Kind Portugal ablehnt. Manchmal ist Wut leichter auszuhalten als Trauer. Und manchmal richtet sie sich gegen die Eltern, weil diese die einzigen Menschen sind, bei denen das Kind sicher genug ist, sie zu zeigen.
Es hilft deshalb, nicht nur auf einzelne schlechte Tage zu schauen.
Wichtiger ist die Entwicklung über einen längeren Zeitraum: Gibt es neben den schwierigen Momenten auch Neugier, Freude oder Entspannung? Erzählt das Kind gelegentlich von anderen Kindern? Entsteht langsam etwas Vertrautes? Findet es nach Belastungen wieder in sein Gleichgewicht?
Woran man merkt, dass ein Kind langsam ankommt
Gut anzukommen bedeutet nicht, dass ein Kind das alte Zuhause nicht mehr vermisst.
Es zeigt sich oft in kleinen Dingen.
Ein Name fällt beim Abendessen immer häufiger. Das Kind kennt den Weg zum Bäcker. Es möchte jemanden nach Hause einladen oder zeigt den Eltern einen Ort, den es besonders mag. Ein portugiesisches Wort taucht plötzlich ganz selbstverständlich in einem deutschen Satz auf.
Vielleicht gibt es sogar den ersten Streit mit einem neuen Freund.
Auch das kann ein Zeichen dafür sein, dass eine echte Beziehung entstanden ist.
Ankommen heißt nicht, dass das Alte unwichtig wird. Es heißt, dass neben dem Alten langsam etwas Neues wachsen darf.
Was Kindern helfen kann
Zunächst hilft es, wenn sie ihr altes Leben vermissen dürfen.
Der verständliche Versuch, einem traurigen Kind die Vorteile Portugals zu zeigen, geht manchmal am eigentlichen Gefühl vorbei. Wenn ein Kind seine beste Freundin vermisst, hilft der Hinweis auf Sonne, Meer und neue Möglichkeiten nur begrenzt.
Ein Satz wie „Ich verstehe, dass sie dir fehlt“ kann in diesem Moment wichtiger sein.
Auch vertraute Rituale geben Halt. Das gemeinsame Essen am Sonntag, die abendliche Geschichte, regelmäßige Gespräche mit den Großeltern oder ein fester Termin mit den alten Freunden schaffen Verbindung zwischen dem früheren und dem neuen Leben.
Kinder müssen ihre Herkunft nicht hinter sich lassen, um in Portugal anzukommen.
Hilfreich ist außerdem, ihnen dort Entscheidungen zu ermöglichen, wo es möglich ist. Vielleicht konnten sie über den Umzug nicht mitentscheiden. Aber sie können auswählen, welche Freizeitaktivität sie ausprobieren möchten, wie ihr Zimmer aussehen soll oder was die Familie am Wochenende unternimmt.
So entsteht wieder ein Stück Einfluss auf das eigene Leben.
Kontakte lassen sich allerdings nicht erzwingen.
Ein Kind immer wieder zu fragen, ob es endlich Freunde gefunden hat, kann zusätzlichen Druck erzeugen. Besser ist es, Möglichkeiten zu schaffen: ein Sportkurs, eine wiederkehrende Gruppe, eine Einladung nach der Schule oder ein Treffen mit einer anderen Familie.
Manchmal reicht zunächst ein einziger verlässlicher Kontakt.
Auch ein Gespräch mit der Schule kann hilfreich sein. Kinder zeigen dort oft eine andere Seite als zu Hause. Eine Lehrkraft erlebt vielleicht, dass ein stilles Kind im Unterricht durchaus aufmerksam ist oder in der Pause bereits vorsichtige Kontakte knüpft. Umgekehrt kann die Schule Veränderungen bemerken, die zu Hause kaum sichtbar sind.
Wann Eltern genauer hinsehen sollten
Schwierige Wochen gehören zu vielen Umzügen dazu. Nicht jede schlechte Stimmung braucht sofort professionelle Hilfe.
Aufmerksamer sollte man werden, wenn sich das Verhalten eines Kindes deutlich und anhaltend verändert oder wenn immer mehr Lebensbereiche betroffen sind.
Das kann der Fall sein, wenn ein Kind sich über längere Zeit fast vollständig zurückzieht, kaum noch Freude erlebt, dauerhaft traurig oder ängstlich wirkt, gar nicht mehr zur Schule gehen möchte oder regelmäßig über Kopf- und Bauchschmerzen klagt.
Auch starke Schlafprobleme, häufige heftige Wutausbrüche, ein deutlicher Leistungsabfall oder anhaltende Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, verdienen Aufmerksamkeit.
Keines dieser Anzeichen beweist, dass der Umzug die Ursache ist.
Aber sie zeigen, dass das Kind gerade mehr Unterstützung brauchen könnte.
Bei Äußerungen über Selbstverletzung, Suizid oder eine mögliche Gefährdung sollte unmittelbar professionelle Hilfe eingeschaltet werden.
Auch Eltern brauchen manchmal Orientierung
Wenn ein Kind nach dem Umzug leidet, zweifeln Eltern schnell an ihrer Entscheidung.
Aus Sorge kann ein Schuldgefühl entstehen. Und aus diesem Schuldgefühl manchmal der Wunsch, möglichst schnell zu beweisen, dass das neue Leben doch gut ist. Oder es kann schwer werden, Grenzen zu spüren und zu vertreten, um zusätzliche Konflikte zu vermeiden.
Das setzt alle unter Druck.
Eltern müssen nicht sofort wissen, ob eine Veränderung mit dem Alter, der Persönlichkeit, der Schule oder dem Umzug zusammenhängt. Oft geht es zunächst darum, die Beobachtungen zu sortieren und das Kind wieder etwas besser zu verstehen.
Was ist tatsächlich anders geworden? Seit wann? Was gelingt weiterhin? Wo braucht das Kind mehr Halt, mehr Mitbestimmung oder einfach mehr Zeit?
Manchmal lässt sich im Familienalltag etwas verändern. Manchmal braucht es ein Gespräch mit der Schule. Und manchmal ist es hilfreich, gemeinsam mit einer außenstehenden Person genauer hinzusehen.
Vielleicht wünschst du dir Unterstützung.
Wenn du unsicher bist, wie es deinem Kind mit dem Leben in Portugal wirklich geht, musst du diese Einschätzung nicht allein treffen.
Zum Beispiel gibt es die Möglichkeit, in der ALeMA Elternberatung gemeinsam darauf zu schauen, was du beobachtest, und auf das, was dein Kind und eure Familie gerade brauchen. Dabei kann es um Rückzug, Wut, Traurigkeit, Schwierigkeiten in der Schule oder um die Frage gehen, wie du dein Kind beim Ankommen unterstützen kannst.
Weitere Informationen findest du unter Elternberatung.
Denn Kinder müssen nicht auf dieselbe Weise ankommen wie ihre Eltern.
Und auch nicht im gleichen Tempo.