Wenn das neue Zuhause plötzlich fremd wird

Nach der ersten Begeisterung kann das Leben im neuen Land anstrengend, einsam oder irritierend werden. Warum das zum Ankommen gehört – und was jetzt helfen kann.

Über Kulturschock, kulturelle Anpassung und das Ankommen in Portugal

Eine Beobachtung von Inés Oder

Am Anfang ist vieles leicht

Das Licht ist anders. Das Essen schmeckt intensiver. Die Menschen wirken freundlich, die Straßen aufregend und jeder Einkauf wird zum kleinen Abenteuer.

Man entdeckt neue Cafés, lernt erste Wörter der Sprache und freut sich über all die Dinge, die im neuen Land anders sind als zu Hause.

Man ist angekommen – und fühlt sich vielleicht sogar ein bisschen verliebt.

In der Psychologie wird diese erste Phase oft als Honeymoon-Phase bezeichnet. Sie ist geprägt von Neugier, Entdeckungslust und der Faszination für das Neue. Was später anstrengend werden kann, wirkt zunächst charmant: andere Abläufe, andere Gewohnheiten, andere Regeln.

Doch irgendwann verändert sich der Blick.

Wenn das Neue anstrengend wird

Plötzlich ist es nicht mehr aufregend, zum dritten Mal durch denselben Supermarkt zu laufen und trotzdem nicht zu finden, was man sucht.

Die Behördensprache versteht man nicht. Ein Termin läuft anders als erwartet. Eine Verabredung wird kurzfristig verschoben. Niemand scheint sich über Dinge aufzuregen, die einem selbst wichtig sind – oder alle regen sich über Dinge auf, die man selbst kaum versteht.

Und dann fehlt vielleicht auch noch etwas ganz anderes: die Menschen von früher.

Die Freundin, die man jederzeit anrufen konnte. Die Familie, bei der man einfach vorbeigeschaut hat. Der Bekannte, der einem schnell erklärt hätte, wie etwas funktioniert.

Was anfangs exotisch und spannend war, fühlt sich plötzlich fremd an.

Man wird gereizter, zweifelt vielleicht an der eigenen Entscheidung und fragt sich:

„Warum mache ich das eigentlich?“

Auch das gehört zum Ankommen.

Anpassung verläuft selten geradlinig

Kulturelle Anpassung ist keine gerade Linie. Es gibt Phasen von Begeisterung, Irritation, Frustration und allmählicher Orientierung.

Und selbst wenn man sich schon gut eingelebt hat, kann das Gefühl des Fremdseins wieder auftauchen: durch Einsamkeit, eine Krankheit, eine stressige Lebensphase oder einfach durch eine Situation, in der plötzlich nichts so funktioniert, wie man es erwartet.

Das bedeutet nicht, dass man gescheitert ist.

Im Gegenteil. Oft beginnt genau hier eine tiefere Auseinandersetzung mit dem neuen Umfeld. Man nimmt Unterschiede bewusster wahr und stellt sich eine wichtige Frage:

Wie möchte ich mit diesen Unterschieden umgehen?

Was hilft, wenn man sich besonders fremd fühlt?

Es gibt keine einfache Formel für kulturelle Anpassung. Aber es gibt Dinge, die helfen können, wenn sich das neue Leben plötzlich schwerer anfühlt.

1. Sich selbst bewusst machen, was bereits gelungen ist

Wenn vieles neu und anstrengend ist, sieht man schnell nur das, was noch nicht funktioniert.

Dabei passiert Anpassung oft ganz leise.

Vielleicht versteht man inzwischen die ersten Wörter. Man kennt bestimmte Straßen, hat einen Lieblingsort, grüßt jemanden im Café oder weiß plötzlich, wie ein bestimmter Behördengang funktioniert.

Deshalb kann es helfen, ab und zu innezuhalten und sich zu fragen:

Was kann ich heute, was vor drei Monaten noch schwierig war?

Wo fühle ich mich inzwischen ein kleines bisschen zuhause?

Welche Menschen, Orte oder Rituale sind mir vertraut geworden?

Ein kleines Tagebuch kann dabei helfen. Nicht als tägliche Pflicht, sondern als Sammlung von Momenten: ein schöner Augenblick, etwas, das inzwischen leichter geworden ist, oder etwas, das man noch nicht versteht.

Denn manchmal muss man den eigenen Fortschritt erst sichtbar machen, um ihn zu erkennen.

2. Neugier statt sofortiger Bewertung

„Die machen das hier einfach anders.“

Ja. Aber warum?

Warum beginnen Gespräche anders? Warum spielt Zeit manchmal eine andere Rolle? Warum werden bestimmte Dinge anders organisiert als in Deutschland?

Die Frage „Warum ist das so?“ kann eine Tür öffnen.

Sie bedeutet nicht, dass man alles gutheißen muss. Integration heißt auch nicht, die eigene Herkunft oder die eigenen Werte aufzugeben.

Aber bevor man etwas als besser oder schlechter bewertet, kann man versuchen, es zunächst zu verstehen.

Aus Ärger kann Interesse werden.
Aus Interesse kann Verständnis entstehen.

Und manchmal wird aus etwas Fremdem etwas, das man zumindest einordnen kann.

3. Sozial aktiv werden – auch wenn es Überwindung kostet

Ein neues Zuhause entsteht nicht allein dadurch, dass man an einem Ort wohnt. Es entsteht durch Beziehungen.

Gerade wenn man sich fremd fühlt, ist es deshalb wichtig, nicht zu sehr in den Rückzug zu gehen.

Jemanden auf einen Kaffee einladen. Einen Sprachkurs besuchen. Einem Verein beitreten. Nachbarschaftskontakte aufbauen. Eine Einladung annehmen, auch wenn man noch niemanden kennt.

Das kostet manchmal Mut.

Genau hier möchte ALeMA ansetzen.

Als deutschsprachiges Zentrum für Leben und Wohlbefinden möchten wir einen Ort schaffen, an dem Begegnung, Austausch und Gemeinschaft möglich werden. Einen Ort, an dem Menschen in Portugal andere Menschen kennenlernen können, die ähnliche Erfahrungen machen und an dem aus ersten Begegnungen mit der Zeit Vertrautheit entstehen darf.

Denn manchmal braucht es gar nicht viel: ein gutes Gespräch, ein bekanntes Gesicht oder einen Kaffee mit jemandem, der versteht, wie es sich anfühlt, zwischen Vertrautem und Neuem zu leben.

So entstehen kleine Anker im neuen Alltag.

Und vielleicht ist genau das der Moment, in dem sich etwas verändert: Man wohnt nicht mehr nur irgendwo. Man beginnt, sich ein eigenes Leben aufzubauen.

Dabei muss nicht gleich alles perfekt sein.

Man darf Wörter falsch aussprechen, etwas nicht verstehen oder im Supermarkt mit einer völlig falschen Geste nach etwas fragen.

Und vielleicht gehört auch das dazu: über sich selbst lachen zu können.

Humor kann eine erstaunlich gute Brücke zwischen Kulturen sein.

Denn beim Ankommen geht es nicht darum, zwischen zwei Welten zu wählen.

Sondern darum, sich nach und nach in beiden bewegen zu können.

ALeMA möchte genau diese Brücke sein: zwischen Vertrautem und Neuem, zwischen der eigenen Geschichte und dem Leben, das hier gerade entsteht.

Denn Ankommen geschieht nicht an einem bestimmten Tag.

Es passiert in kleinen Momenten: wenn aus einem fremden Ort ein Lieblingsort wird. Wenn aus einer Bekanntschaft ein vertrautes Gesicht wird. Wenn man plötzlich weiß, welche Straße man nehmen muss und wen man anrufen kann, wenn etwas nicht funktioniert.

Und irgendwann merkt man vielleicht ganz still:

Ich bin nicht mehr nur angekommen.
Ich bin tatsächlich hier.

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